Kleines Einmaleins der Steigerungsfaktoren

Leider entsteht beim Studium einer Privatliquidation immer wieder der Eindruck, dass wir unseren Privatpatienten mehr als das Doppelte (2,3-fache) dessen in Rechnung stellen, was wir für eine vergleichbare Behandlung von den gesetzlichen Krankenkassen (z.B. AOK, DAK etc.) erhalten würden.

Gerade in den Fällen, in denen auf Grund erschwerter Behandlungsumstände auch noch erhöhte Steigerungsfaktoren (2,4 bis 3,5-fach) in der Rechnung aufgeführt sind, erhebt sich schnell die Frage, ob sich der Zahnarzt denn nicht zumindest mit dem Doppelten dessen zufrieden geben könne, was er bei einem gesetzlich versicherten Kassenpatienten ausgezahlt bekäme.

Diese Vergleichsrechnung zwischen gesetzlich Versicherten und Privatpatienten beruht allerdings auf der weit verbreiteten aber falschen Annahme, dass für beide Versichertengruppen derselbe “Grundpreis” (1-fach Satz) für die entsprechenden Leistungen gilt, was den Tatsachen aber nicht entspricht.

Bei gesetzlich versicherten Patienten haben wir gemäß dem so genannten “Bundeseinheitlichen Bewertungsmaßstabes” (BEMA 2004) abzurechnen,
bei Privatpatienten hingegen nach der “Gebührenordnung für Zahnärzte” aus dem Jahr 2012 (GOZ 2012). In diesen beiden Abrechnungskatalogen sind vergleichbare Behandlungen mit oft sehr unterschiedlichen “Grundpreisen” aufgeführt.

Einige Beispiele:

Für eine eingehende Untersuchung des Mundes und der Zähne bezahlt die DAK nach dem BEMA einen Betrag von ca. EUR 18,- . Der “Grundpreis” für einen Privatpatienten (also der 1-fache Satz nach der GOZ) beträgt für dieselbe Untersuchung EUR 5,62. Um nun von einem Privatpatienten für diese Untersuchung gerade den Betrag zu erhalten, den auch die DAK bezahlen würde, müssen wir bereits einen 3,2 - fachen Steigerungssatz in die Rechnung schreiben, ohne dadurch auch nur einen Cent “mehr zu verdienen” als bei einem Kassenpatienten.

Für eine sehr große Füllung erhalten wir von der DAK ca. EUR 58,-, wovon auch alle Praxiskosten, Materialien und Gehälter zu bezahlen sind.  Der 1-fache GOZ-Satz beträgt  EUR 17,94 , so dass erst der Ansatz eines 3,23(!) - fachen Steigerungssatzes in der Privatrechnung zu einem Betrag führt, der der Vergütung der gesetzlichen Krankenkasse entspricht.

Gleiches gilt für eine Betäubungsspritze im Unterkiefer: DAK (BEMA) EUR 12,-;  Privatliquidation (GOZ 1-fach Satz)  EUR 3,94 ; also ist ein Steigerungsfaktor von
3,05 erforderlich, um überhaupt auf das Niveau der gesetzlichen Krankenkasse zu kommen.

So kann man, grob geschätzt, davon ausgehen, dass zur Zeit ein 2,3-facher Steigerungsfaktor in einer Privatliquidation gerade etwa dem Preis entspricht, der auch von einer gesetzlichen Kasse gezahlt würde.

Für die Zukunft ist dabei noch zu berücksichtigen, dass der BEMA- Preis der gesetzlichen Kassen für die verschiedenen Leistungen jährlich minimal angepasst wird (wenn auch seit Jahren deutlich unterhalb der Inflationsrate), wohingegen die
GOZ-Preisstruktur seit 1988 (!) unverändert geblieben ist.
Das wurde auch durch die Einführung einer neuen Gebührenordnung in 2012 nicht korrigiert. Die Grundpreise für die meisten Behandlungen wurden noch nicht einmal um einen Betrag zum Ausgleich der Inflation der letzten 30 Jahre angepasst.
So ist absehbar, dass irgendwann auch bei Ansatz eines 3,5-fachen Steigerungsfaktors nicht einmal mehr das Niveau der gesetzlichen Krankenkassen erreicht wird.

Auch in der Berücksichtigung unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade bei der Behandlung unterscheiden sich BEMA und GOZ ganz erheblich: Bei Kassenpatienten wird für eine bestimmte Behandlungsmaßnahme eine festgelegte Abrechnungsposition angesetzt, ohne dass besonders schwierige, aber auch besonders einfache Umstände irgendwie berücksichtigt würden. Diese gleichen sich - so der Gedanke im BEMA - über die Vielzahl der Behandlungen bei Kassenpatienten wieder aus.

Die GOZ sieht für die Abrechnung mit Privatpatienten eine wirklich individuelle Rechnungsgestaltung vor, so dass z.B. der Patient mit sehr wenig Zahnstein nicht für denjenigen “mitbezahlen” muss, bei dem extrem viel Zahnstein zu entfernen ist. Das führt dazu, dass sich in einer Privatliquidation für sehr einfache Behandlungsumstände geringere Steigerungsfaktoren finden (also unterhalb von 2,3), während überdurchschnittlich erschwerte Behandlungsumstände zu erhöhten Faktoren führen (2,4 bis 3,5-fach).

Erhöhte bzw. erniedrigte Steigerungsfaktoren sind also nicht Ausdruck eines willkürlich festgesetzten Preises, sondern Folge des GOZ-Grundgedankens, der vorsieht, jedem Patienten wirklich ganz individuell nur das zu berechnen, was an Behandlungsaufwand tatsächlich angefallen ist.

Wir hoffen, Ihnen hiermit einige Hilfen zum Verständnis Ihrer Liquidation gegeben zu haben, stehen Ihnen aber bei weiteren Fragen gerne jederzeit zur Verfügung.